Künstlichkeit und Natur

Von Alfonso Hüppi


In der Nische steht feigenblattgegürtelt ihr Bruder. Wie ein Kind trägt er das Nacktsein. Ein wiedergeborener Adam? Die Eltern, mit Globus und Himmelsplänen in ihren Händen, sitzen vor einer idealisierten Stadtansicht: die Königin der Nacht in Eintracht mit Salomo? Und die Fotografin selbst, im Hochzeitsgewand, als Jungfrau mit Kind, als Justitia, Inconstantia, Habgier oder Weisheit...

Was ist von solcher Inszenierung zu halten, der keine zeitgemäße Wirklichkeit entspricht? Wenn der langliegende Jüngling nicht den toten Christus darstellt, sich aber dessen Attribute leiht, wen oder was zeigt er uns dann? Und wenn Vater und Mutter, Bruder, Mann und Kind weder mythologische noch geschichtliche Symbole noch eben Vater, Mutter, Bruder, Mann und Kind verkörpern, um welchen Kern drapieren sich die Requisiten?

Wenn sie nicht bedeuten, was sie darstellen, dann können sie nichts anderes sein als Methode und Mittel.

Aber Mittel zu welchen Zweck? Claudia van Koolwijk gibt in ihrem Tun selbst die plausibelste Antwort. Sie malt die Staffagen eigenhändig und sucht jedes Requisit im Hinblick auf die Person sorgfältig aus. Pflanzen, Früchte, Stoffe, Ornamente, Farben und Formen, nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Bis auf das eine, Wesentliche, worauf alles angelegt ist: die Reaktion der ausgewählten Person.Konfrontiert mit dem Ansturm von Dingen und Klischees, zeigt sich der Mensch für einen winzigen, unkontrollierten Augenblick entblößt.

In einer hundertstel Sekunde hält die Kamera das Aufeinandertreffen von Künstlichkeit und Natur fest. Im Bild, das so entsteht, verschmelzen beide scheinbar zur Synthese. Den bleibenden Riß im Gefüge zeigt uns Claudia van Koolwijk in ihren Fotos.


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