GESICHT

Von Thomas Huber


In der unendlichen Erörterung der Frage nach der Mitte der Welt, der Frage nach dem Ort, wo alles, was wir kennen in eins zusammenkommt, Gut und Böse, das Sein und das Nichts, in dieser Erörterung müßte das Gesicht des Menschen auch genannt werden. Das Gesicht ist eine Totalität, die andernorts kaum in dieser Dichte und Fülle anzutreffen ist. Die sinnliche Erfahrung unserer Welt, unterschieden in Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen hat sich im Gesicht zusammengefunden. Die Sinne haben als Augen, Ohren, Nase, Zunge und Mund je ihr offensichtliches Zeichen im Rund eines Gesichtes. Geht man vom Gedanken aus. daß die Welt das ist, was wir von ihr wahrnehmen, so ist das Gesicht die Entsprechung der Welt. Im Gesicht spiegelt sich der ganze Erdkreis. Gäbe es Himmel und Erde, wenn es kein Gesicht gäbe. In dieser Analogie hat Goethe gedacht, als er das sonnenhafte Auge dichtete: "Wär' nicht das Auge sonnenhaft, / Wie könnten wir das Licht erblicken? / Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft. Wie könnt uns Göttliches entzücken?" (J.W. von Goethe, Farbenlehre). Auge, Ohr, Nase und Mund sind aber nicht lediglich Attribute eines Gesichtes, so daß man daraus ein Angesicht zusammensetze könnte. Man kann die Sinne und ihr äußerliches Zeichen zwar zählen, ihre Summe, das Angesicht aber ist immer größer als deren Nenner. Augen, Ohren, Nase und Mund befinden sich in einer unendlichen Bewegung "aufeinander zu", schreibt Rudolf Kassner (Zahl und Gesicht. Zürich 1925).

Damit wird gesagt, daß der Mensch nicht aufgeht, auch nicht in seinen Erscheinungsformen. Der Mensch ist unfaßbar. Seine Rätselhaftigkeit zeigt sich in seinem Gesicht am schönsten. Darum ist das Gesicht der vor-nehmste Ort des Menschen und somit auch sein verletztlichster. Die Würde des Menschen ist in seinem Gesicht. Dort kann sie ihm auch am ehesten genommen werden. Die Sprache weiss davon, wenn sie sagt, man könne sein Gesicht verlieren. Schlimmeres kann menschlicher Identität kaum geschehen, bzw. angetan werden. Ein erster Schritt dazu wäre schon bestimmte physiognomische Erscheinungsformen zu kategorisieren und daraus auf sittliche Eigenschaften des Menschen zu schliessen. Die Nasenform sagt wenig oder gar nichts über den Menschen aus, und eng beieinander stehende Augen können vieles und nichts bedeuten. Auch wenn diese Einsichten zu unserem Erfahrungshintergrund geworden sind, üben wir jeden Tag das Gegenteil. Wir mustern das Gesicht des anderen. Flüchtig und schnell taxieren wir den Vorbeigehenden auf der Strasse, liebevoll und innig vertiefen wir uns in das Gesicht des Geliebten, erstaunt und ein Leben lang studieren wir die Gesichter unserer Kinder. Und aus den Formen darin und deren Bezüge zueinander versuchen wir uns ein Bild des anderen zu machen. Immer wieder neu richten wir uns in diesen Gesichtern ein und machen unser Befinden davon abhängig. Man kann sich vorstellen, daß im Mienenspiel des vertrauten Gegenüber sich ab einem gewissen Punkt das Repertoire wiederholt. Lachen, Weinen, Nachdenklichkeit und Erschöpfung und man könnte sagen: Ich kenne das Gesicht.

Diese vermeintliche Erfahrung ist aber dem ersten Anblick eines Gesichtes in keiner Weise voraus. Ob zum ersten oder zum tausendsten Male gesehen ist das Gesicht unerschöpflich und nicht in der Summe seiner Einzelwahrnehmungen zu erfassen. Das Gesicht ist die unendlichste Spur dieser Welt. Sie kommt in glücklichsten Momenten mit der Erfahrung einer anderen Unendlichkeit überein. Das ist die Schönheit. Ein Gesicht ist schön. Eigentlich aber ist das schöne Gesicht ein Pleonasmus. Das Gesicht ist das Schöne. Dem widerspricht nicht das häßliche Angesicht. Denn dieses erschreckt uns darum, weil ein ungerechtes Leben das schöne Gesicht zerstört hat. Wir suchen das Schöne zuallererst im Gesicht. Dort sind wir auf die allerfeinsten Nuancen sensibilisiert und nehmen mit Erschrecken jede Abweichung unseres Schönheitsempfindens zur Kenntnis. Es gibt Diskussionen darüber, wo die Kultur des Menschen begonnen habe. Hier in unserem Falle sollte man das Gesicht als Ort dieses Anfanges mit in das Gespräch bringen. Früh wurde das Gesicht mit Bemalungen und Tätowierungen ergänzt, akzentuiert oder sogar korrigiert. Die naturgegebene Schönheit wurde je nach Epoche an ein kulturell geprägtes Schönheitsideal angeglichen. Eine Kultur hat ihren Ausdruck und ihre Eigenart mehr noch in den Gesichtern ihrer Zeitgenossen abgelegt, als in den nach außen verlegten Zeugnissen der Künste und Techniken. Andererseits lassen sich Gesichter auch mit Schminke und anderen Asessoires nicht grundlegend verändern. Denn solange der Mensch sich als freies und selbstbewußtes Wesen begreift, hat er ein Gesicht immer gezeigt, und nicht, wie seinen restlichen Körper unter Kleidern verborgen. Mögen uns bei gewissen Kulturen heute Haartracht und Kleidung fremd erscheinen, so sind uns die Gesichter auch vor 2000 Jahren noch vertraut, weil sie den unseren so gleichen. Das geschichtliche Selbstbewußtsein unserer Spezies verdanken wir auch der schieren Ewigkeit der menschlichen Züge.

Über das menschengeschichtliche Alter des Gesichtes nachdenkend, sollte hier aber ein erstaunlicher Umstand nicht ohne Erwähnung bleiben. Das Gesicht hat im Menschen einen Ableger, einen Auswanderer sozusagen. Es ist die Hand. Das Verhältnis von Hand und Gesicht ist im Körperganzen des Menschen besonders. Beginnen wir mit dem Subtilsten. Wir schauen möglicherweise genauso auf die Hände unseres Gegenüber, wie wir sein Gesicht erforschen, wenn wir ihn kennenlernen möchten. Ob uns seine Hände sympathisch sind? Hände sind das zweite Gesicht eines Menschen. Wie verhält sich die Hand zum Gesicht, was verbirgt das eine, was das andere schamlos offenbart? Die Begutachtung der Hände ist essentiell, denn mit ihnen kommt uns der andere näher, liebevoll oder gewalttätig. Die Hände zu kennen ist darum nicht ohne Belang. Was das Gesicht verspricht, sollen die Hände des Menschen vollbringen. So verstehen wir unseren kulturellen Auftrag. Der Mensch ist ein Handwerker. Seine Taten vollbringt er mit den Händen.

Von Derrida gibt es einen aufschlußreichen Aufsatz zur Hand (Heideggers Hand, in: Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990). Wir sprechen von der Hand, obwohl wir zwei Hände haben, wieso unterschlagen wir die zwillingshafte Chimäre dieses Gegenstücks zur Einzigartigkeit des Gesichtes? Andre Leroi-Gourhan entspricht den Reflexionen Derridas in seinem evolu-tionswissenschaftlichen Werk "Hand und Wort": "Die untere Gesichtshälfte der Primaten, also der Mund, war vorrangig durch das Greifen nach Beute definiert. Die Lautartikulation war dementsprechend schwach definiert. Erst die Verlagerung des Greifens aus dem Gesicht an die Extremitäten, also die Hände. befreit den Mund für den Sprechakt. Der hervorgestellte Kiefer bildet sich zugunsten der Herausbildung der Hände zurück. Ein Teil unseres ursprünglichen Gesichtes wanderte also nach unten ab, um einer der aktivsten Äußerungen unseres Wesens im Gesicht Platz zu machen: Der Sprache..." (Claude Leroi-Gourhan: Hand und Wort, Frankfurt a.M. 1988)

Man könnte, Gourhan weiter interpretierend, sagen, daß auch ein Teil der Unendlichkeit des Bedeutens aus dem Gesicht auf die Hände übergegangen ist. Sprechende Hände sagt man. Derrida insistiert in seinem Aufsatz auf dem Denken als einem Handwerk und betont die exklusive Beziehung zwischen Hand und Geist. Die untere Hälfte unseres Gesichtes ist evolutionsgeschichtlich auf jeden Fall der jüngste Part unseres Aussehens. Man könnte Kassner folgend spekulativ in diesem Sinne noch weitergehen und die Analogie zu den Pflanzen suchen. In der Blume ist Geschlecht und Mund in der Blütenöffnung noch eins. Gesicht und Fortpflanzungsorgan sind in der Blume noch zusammen. In unserem Gesicht sind Lippen und Zunge nur noch eine ferne Erinnerung an unser Geschlecht, das ebenfalls vor längster Zeit aus unserem Gesicht an unserem Körper nach unten gewandert ist. Wann fand die skandalöse Teilung des Menschenganzen in ein weibliches und ein männliches Geschlecht statt? Hatten wir einst im Gesicht nur ein einziges Geschlecht, so daß wir uns gegenseitig offensichtlich ganz und ungeteilt begegneten? Das männliche wie das weibliche Antlitz sind sich abgesehen vom Haarwuchs doch sehr ähnlich. Erinnert sich im Gesicht möglicherweise die Zeit ungetrennten Zusammenseins beider Geschlechter? Die Trennung jedenfalls steht uns nicht primär ins Gesicht geschrieben, sondern wird, des Skandales wegen, vom Gesicht schamhaft ferngehalten. Über die Nase, dem Mittelpunkt eines Gesichtes und dem nachweislich ältesten Sinnesorgan stehen die Augen.

Ohne Zweifel sind die Augen das überwältigendste an einem Gesicht, in dem Maße, daß der Blick der Augen zum Synonym des ganzen Gesichtes wurde. Ein Gesicht blickt. Natürlich blickt es aufgrund der Augen, aber der Mund blickt mit, die Nase, die Wangen und die Stirn auch. Der Blick der Augen ist so überwältigend, daß er alles um sich herum in seine Zuwendung zur Welt in seine Aufmerksamkeit auf die Welt mitnimmt. Die Augen sind so unabdingbar auf das Außen gerichtet, auf das Andere, daß der gesamte Mensch sich in eine sensibel aufmerksame Membran verwandelt, auf der die Welt schwingt. Hände und Haut, ja alles am Menschen wendet sich dank der Augen im Überschwang an die Welt. Die Augen als Fenster zur Welt liefern den Menschen als ganzes aufs schönste und schrecklichste ihr aus. Man muß es darum als Gnade ansehen, daß er sie zuweilen auch schliessen darf. Das Unendliche, die Unfassbarkeit des Gesichtes liegt zum einen gewiß in dieser passiven und auch erleidenden Zuwendung zur Welt. Was sich dadurch im Gesicht abzeichnet ist die Geduld. Es kann ein Gesicht weise machen, es gibt dem Gesicht Gewicht. Was ein Gesicht gesehen hat, unterscheidet es in jung oder alt mehr, als die Falten, die das Alter darin einzeichnet. Zum anderen liegt die Unfasslichkeit eines Gesichtes, das wir anschauen aber darin, (daß es dann nicht nur ein gesehenes Gesicht ist, sondern immer auch ein Gesicht, das uns anschaut.

Nicht wir schauen alleine an, das Angeschaute schaut zurück. Ein Gesicht zu sehen heißt, allein hier, kein Ding sehen zu können. Ein Gesicht kann man nicht anschauen, weil der Blick in einen Blick fällt, sich im eigenen wiederfindet. Natürlich können wir sagen, ein Baurat, eine Blume würde, da wir sie anschauten, uns antworten. Dieses Empfinden haben wir aber aus der nicht faßbaren Erfahrung abgeleitet, daß uns der Mensch als Gegenüber anschaut, wenn wir ihn anschauen. Die Welt antwortet uns, weil wir im Mitmenschen eine Antwort gefunden haben. Die Beschreibung unseres Mitmenschen bleibt immer vorläufig, da wir uns, ihn anschauend und zu einer Beschreibung kommend, bewußt sind, daß ei uns auch anschaut. Er macht sich ein Bild von uns, so wie wir uns ein Bild von ihm machen. Beide Bilder sind gleich gültig und grundsätzlich verschieden. Menschliche Katastrophen haben immer dann begonnen, wenn sich ein Bild über das stellte, die Unendlichkeit der Geschichte nicht mehr gestattete. Sehen und Gesehen werden sind zwei unvereinbare Bilder. Was wir sehen blickt immer zurück und hat eine ganz andere Wahrnehmung, ein ganz anderes Bild von der gleichen Situation, dem gleichen Moment, da sich die beiden Blicke begegnen. Die Kluft, die sich zwischen diesen beiden Bildern auftut ist jedenfalls visuell nicht zu schließen. Das Bild bleibt darum eine unvollkommene Weise die Welt zu erkennen oder zu verstehen.

Für Claudia van Koolwijk ist es die Liebe, oder der liebevolle Blick, der den Abgrund zwischen Sehen und Gesehenwerden überwindet. Zwischen Schauen und Angeschautwerden die Liebe zu stellen, dieses Vertrauen in eine letztlich unsichtbare Kraft, zeichnet die Sichtbarkeit der Bilder von Claudia van Koolwijk aus. Die gezeigten Bilder konnten gelingen, weil die Anschauende dem Angeschauten versprochen hat, daß in der Begegnung allein die Liebe zählt.


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