Im Augenblick des Blicks

Von Hans Dieter Jünger


Wo keine Liebe ist, verstehen wir nichts, meinte Augustinus - und was wir nicht verstehen, das sehen wir auch nicht, jedenfalls nicht in seinem Sosein, seiner Eigenheit, also nicht wirklich. Claudia van Koolwijk liebt, versteht und sieht zweifellos sehr viel.

Sie erkennt unscheinbare Details und subtile Zwischentöne und Nuancen, die flüchtigeren Blicken leicht entgehen. So vielfältig, oszillierend und immer wieder überraschend ihre Fotografien auch anmuten - das Märchenhafte und Magische steht neben dem Morbiden, eine tief katholische verstohlene Lust am Verfemten und 'Sündigen' neben kraftvoller schamanisch heidnischer Natur- und Lebensanbetung, das alchimistisch oder raffiniert Inszenierte neben dem kindlich Unbefangenen: die Eigenart ihres Blicks ist unverkennbar - gleichgültig ob es nun, um nur einige der zentralen Werkgruppen der Künstlerin zu erwähnen, um blühendverwelkende Blumensträuße, um poetische Bildinstallationen (etwa mit ihrem Ehemann und Maler Thomas Huber), um "Wimmel"-Familienbildnisse mit Kindern, um Stillbilder oder, nicht zuletzt, um das Künstlerporträt geht - ein Feld, auf dem Claudia van Koolwijk besondere Anerkennung gefunden hat.

Sie sieht überhaupt, denke ich, sehr vieles weiter, reicher, erstaunlicher als es unserem 'schnellen Blick' gemeinhin erscheinen will. Manchmal sieht sie vielleicht sogar - wir wissen, dass das Verhältnis zwischen demjenigen hinter dem Auslöser und demjenigen vor der Linse niemals ganz frei von Jagdinstinkten und manchmal auch symbolischen Einverleibungsriten ist - zu viel, so dass sich die oder der 'Erkannte' beim ersten erwartungsvollen Blick auf die Abzüge einigermaßen 'ertappt' fühlt. Da hat diese lebenserfahrene Frau, Künstlerin und Mutter von sechs Kindern, die, als machten sie die Zeugungen immer jünger, mit unbezwingbarer kindlicher Neugierde, stets aber überaus liebevoll auf ihre jeweiligen Interakteure und Gegenüber blickt, mitunter etwas gesehen und 'geblickt', was wir selbst noch gar nicht an uns wahrgenommen haben - oder nicht wahrnehmen wollten...

So dürfte es zumindest dem ein oder anderen männlichen 'Objekt' - meist sind es befreundete Künstlerkollegen, Maler, Bildhauer, Museumsleute und Galeristen, Schriftsteller und andere 'Wahlverwandtschaften' und Freunde der Familie - ihrer visuellen Obsessionen ergehen. Allerdings wäre die Annahme dürftig, dass CvK einem (im vordergründigen Sinn) feministisch 'vorprogrammierten' Blick huldigt, der die Frauen stark und meist in blühender, zuweilen aber auch distanziert-unterkühlter Selbstgefälligkeit, die Männer dagegen nicht selten verletzlich, zerrissen, als verwunschene schlafende Prinzen oder gar hysterisch oder zerknirscht am Boden liegende 'Opfer' zeigt. Da reichen van Koolwijks von katholischen Riten geprägte Kindheitssedimente, ihre Todesnähen und Metamorphosen einschließenden Erfahrungen als 'Muttertier' und ihre künstlerischen Intuitionen - und auch Ansprüche - doch erheblich tiefer und weiter.

Mir scheint oft, als fänden gerade die Opfer und Verlierer, jedenfalls die Sichverschwendenden - und nach einem nach wie vor gültigen Diktum Adornos ist ja heutzutage derjenige, der mehr liebt, immer der Betrogene - sogar ihre bevorzugte Sympathie und Zuneigung. So als wolle sie ihnen in einem animistischen (oder alchimistischen) Ritual gleichsam ein Stück Würde zurückschenken - was ihr wohl auch tatsächlich erstaunlich oft gelingt. Ich finde in diesen Bildern mitunter einen Anspruch am Werk, auch und gerade dem Verständnis und besondere Gunst entgegenzubringen, was sich auf Anhieb unserem Verstehen nicht erschließt ("Ehrt, was ihr nicht versteht...", dichtet Hölderlin im 'Tod des Empedokles'). So als gehe es zuletzt immer auch um eine Rehabilitation der Gabe im ursprünglichen Wortsinn, also um jene Verausgabung, die erst Lebendiges zeugt und deshalb eine heilsame ist.

Dabei stehen, sieht man von der floralen Stillebenfotografie einmal ab, bei CvK Menschen, vor allem das Menschengesicht, in das sich die Spuren und Erfahrungen eines Lebensweges eingeschrieben haben, unverkennbar im Mittelpunkt. Claudia van Koolwijk ist Menschenbildnerin, Seelenbegleiterin, vielleicht, wer weiß, ein stückweit auch eine Art animistische 'Heilerin' ihrer jeweils Porträtierten. Sie gibt dem Menschenantlitz als einem immer schon unverwechselbaren Inbild des erfahrenen Lebens gleichsam ein, gestisch oft zugespitztes, 'geöffnetes' An-Gesicht. Ob die Absolventin der Schwegler-Klasse der Düsseldorfer Kunstakademie (die damals, der Beuys-Skandal war noch frisch und virulent, Biologie nur heimlich zu studieren wagte) nun 'botansierend' an abgelegenen Außenorten mit unverwechselbaren genius loci fotografiert oder mit aufwendig vorbereiteten textilen Hintergrundentwürfen, die religiöse, archaische und schamanische Motive frei verwebend, ebenso poetische wie verzaubernde künstliche Innenräume schafft: der Fokus liegt immer unverkennbar auf dem vielfältigen Vokabular, der Sprache und Ansprache des menschlichen Gesichts, seiner jeweiligen subtilen Gestik, seiner nicht zu verleugnenden Befindlichkeit und Gestimmtheit - und auch seinem Zusammenspiel mit dem Licht.

Claudia van Koolwijk versteht es dabei insbesondere, das natürliche Sonnenlicht zu oft erwärmenden und illuminierenden Farbtemperaturen zu verdichten: die Fotografie als Werkzeug und Verlängerung des Organischen, des Wachsens, Zeugens und 'Zur-Welt-Kommens'. Auch unverkennbar strapazierten und bedrängten Viten entlockt und verleiht diese Haltung nicht selten neu aufkeimende lebensbejahende Züge: "Die Bilder konnten gelingen, weil die Anschauende dem Angeschauten versprochen hat, dass in der Begegnung allein die Liebe zählt..." (aus dem Ausstellungskatalog 'Wahlverwandtschaften'). Die Künstlerin liebt die Farben und Temperaturen des Lebens in all ihren Facetten, das Hochrote und Tiefschwarze, das leuchtende Gelb, die gleißende Weisse, die reinen und (ja nur scheinbar) 'unreinen' Farben der Natur. Sie mag es offenbar, ihre jeweils erwählten Gegenüber flach hinzulegen, oft floral drapiert, da dies, wie sie beobachtet hat, 'die Gesichtszüge der Porträtierten entspannt'. Die Sinnlichkeit ihrer Fotografien, ihre geheime Liebe zum leibenden und verleiblichten Leben ist offenkundig, aber diese 'Nacktheit' und Körperlichkeit, die nur ein verkopfter Blick für 'nazarenisch' halten kann, erscheint bei ihr diesseits jedes Voyeuristischen oder Vernutzenden.

Die Fotogafien atmen, so entblößend sie auch in gewisser Hinsicht sein mögen, immer auch Verletzlichkeit und Würde. Sie bekennen sich zu ihrer 'Schwäche', der je konkreten und unwiederholbaren Begegnung, dem erkannten Augenblick immer den Vorrang zu lassen vor einem wie auch immer gearteten kunsthistorischen oder formalen Prinzip. Claudia van Koolwijks Blick auf die Welt und die Dinge ist sehr großherzig und sehr weit. Ihm eignet eine besondere Aufmerksamkeit für alles, was zum Leben und Wachsen drängt. Sie weist nichts zurück und lässt noch mehr zu. Ihr Ehrgeiz scheint darin zu liegen, immer geizloser zu werden...

Der fast meditative, sich mitunter über Wochen und Monate entwickelnde Dialog zwischen der Künstlerin und ihrem jeweiligen Gegenüber ist dabei sehr unmittelbar, gleichsam ein Austausch von Seele zu Seele. Er prägt die geheimnisvolle, fast alchimistische Vorbereitung der Orte, Hintergründe, Gewänder, Accessoires ebenso wie die Interaktion während der Aufnahme. Dem 'romantischen' Motto Clemens Brentanos gemäß "Nicht der Blick, nein der Augenblick des Blicks ist meine Sehnsucht..." ereignen sich in diesen gelungenen Augenblicken dann nicht selten unerwartete Öffnungen, Entfaltungen, Metamorphosen und, wer weiß, zuweilen sogar schamanische Initiationen und heilsame Transsubstantiationen: Böcke werden sanfte Lämmer, Spröde zu wilden Tierchen, Hochmütige demütig und Verschlossene öffnen ihr Herz für Augenblicke, die nicht lügen können. Alles ist möglich: Blumen blühen auf, Milch und Honig fließen, die wohlbewachten Grenzen zwischen Innerstem und Larvenrolle brechen auf. In diesen, im Idealfall, animistisch gelungenen Anverwandlungen ist für sehr vieles Raum, für die vielfältigen Physiognomien des hysterischen Lebens ebenso wie für die intime Lebensinnigkeit der stillenden Mütter, für katholische oder nekrotope Reminiszenzen ebenso wie für archaische Einbrüche und erotische Verzauberungen.

Dieser 'Augenblick des Blicks', in dem verletzliche Menschenseelen einander erkennen und in das Einverständnis ihrer Verletzlichkeit und Bedürftigkeit einwilligen, ist fraglos auch ein erotischer, einem geheimen energetischen Austausch geschuldet. Vor den letzten tragischen Momenten bewahrt die Fotografin dabei vielleicht eine Einsicht in unsere tragikkomische Grundbefindlichkeit. Aber immer wenn Claudia van Koolwijk Vertrauen fasst, wird sie selbst zum Kind, das (nahezu) alles glaubt und das Spiel ganz ernst nimmt - vielleicht weil sie ahnt, dass nur, wer vieles annehmen kann, auch viel erfahren und weitergeben kann. Claudia von Koolwijks Blick ist so offen, dass ich darin nicht nur eine 'katzenhafte Lust am Weitesuchen', sondern unbedingt auch eine erfahrene Lebensfülle vermuten möchte: eine tiefe Lebensvertrautheit und überwältigende Liebe zu allen Erscheinungsformen des leibenden, leidenden, zeugenden und zuletzt die Liebe liebenden Lebens - also das, wohin es die Sehnsucht, so oft wir ihr auch fliehen, eigentlich zieht.

Das Leben selbst ist, so ahnt uns in luziden Augenblicken, rätselhaft, wunderlich und vielleicht sogar, wer weiß, in seinen Wurzeln hysterisch (hysteria ist der griechische Name für die Gebärmutter). In Claudia von Koolwijks Fotografien spricht uns die Gabe zu, mit solchen Augenblickswahrheiten, die wir immer wieder vergessen, zu rechnen. Eine mit Licht und Brennlinse verzaubernde Diotima also, die uns das Wesen jener tieferen Hysterien des Lebendigen etwas besser verstehen lässt? Claudia van Koolwijk sucht jedenfalls, wie mir scheint, in allem nach jenem 'Augenblick des Blicks', in dem wir uns erkennen und begegnen können, in dem die Grenzen zwischen Mensch und Mitmensch, Mensch und Tier, Werden und Vergehen, Lebensinnigkeit und Lebensferne aufbrechen und für Momente aufgehoben sind. Es ist dies immer ein befreiender Vorgang, der dem Betrachter etwas vom Atem jener Kindheit und Anfangslust zurückschenkt, auf den es doch ankommt.


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